Radon messen

Radon-Messwerte verstehen: Jahresmittel, Schwankungen, Ergebnis richtig einordnen

Wert zu hoch? Tages- und Wochenverlauf lesen, Mittelwert vs. Spitzen, Lüftungseffekte erkennen und entscheiden: beobachten, nachmessen oder sanieren.

Veröffentlicht am Lesezeit ca. 7 Min. Redaktion radoncheck24.de

Beispielhafter Wochenverlauf einer Radonmessung mit Mittelwert, nächtlichen Spitzen und Lüftungseinbrüchen

Der Messwert ist da – aber was heißt er? Die wichtigste Regel zuerst: Für Ihre Gesundheit und für den gesetzlichen Referenzwert zählt der Mittelwert über lange Zeit, nicht die höchste Spitze einer einzelnen Nacht. Ein kurzzeitiger Ausschlag auf 500 Bq/m³ ist kein Notfall, ein dauerhaft erhöhtes Jahresmittel dagegen ein klarer Handlungsauftrag. Dieser Artikel zeigt, wie Sie Verläufe lesen, Werte einordnen und die richtige Konsequenz ziehen: beobachten, nachmessen oder sanieren.

Die wichtigsten Kenngrößen Ihrer Messung

Elektronische Messgeräte wie das RadonEye RD200 liefern mehrere Zahlen gleichzeitig (bei uns als Mietgerät mit PDF-Auswertung erhältlich). So sind sie zu verstehen:

Kenngröße Bedeutung Wofür relevant
Aktueller Wert gleitender Mittelwert der letzten Stunde Momentaufnahme, z. B. Lüftungseffekt live beobachten
Tagesmittel Durchschnitt der letzten 24 Stunden gleicht den Tagesgang aus, gute Kurzfrist-Kennzahl
Messzeitraum-Mittel / 30-Tage-Mittel Durchschnitt über die gesamte Messung die zentrale Zahl für die Einordnung
Spitzenwert (Peak) höchster Einzelwert seit Messbeginn zeigt das Potenzial des Hauses, kein Bewertungsmaßstab
Verlauf (Stundenwerte) zeitaufgelöste Kurve Muster erkennen: Tagesgang, Lüften, Wetterwechsel

Bei passiven Exposimetern gibt es dagegen genau eine Zahl: den Mittelwert über die Messdauer – dafür über Monate integriert und damit nah am Jahresmittel.

Kleiner technischer Hinweis für die Feininterpretation: Einzelne Stundenwerte streuen bei niedrigen Konzentrationen prinzipbedingt sichtbar (Zählstatistik). Bewerten Sie deshalb nie eine einzelne Stunde, sondern immer Tages- und Wochenmittel – die sind robust.

Typische Verläufe lesen: Tagesgang, Lüften, Wetter

Wer zum ersten Mal einen Radon-Stundenverlauf sieht, ist oft überrascht, wie stark die Kurve schwankt. Das ist normal – und sogar nützlich, denn die Muster verraten viel über Ihr Haus:

  • Der Tagesgang: Die höchsten Werte treten laut BfS-Radon-Handbuch meist nachts und in den frühen Morgenstunden auf – dann wird nicht gelüftet, und der thermische Unterdruck zieht Bodenluft nach. Tagsüber sinkt die Kurve. Ein ausgeprägter Tagesgang ist kein Grund zur Sorge, sondern Physik.
  • Der Lüftungs-Sägezahn: Beim Stoßlüften fällt der Wert steil ab – die Raumluft tauscht sich in wenigen Minuten fast vollständig aus. Danach steigt die Kurve wieder an; schon rund zwei Stunden später kann das Ausgangsniveau erreicht sein. Wenn Ihre Kurve dieses Muster zeigt, sehen Sie live, dass Lüften wirkt – aber eben nur kurz. Mehr dazu: Richtig lüften gegen Radon.
  • Winter vs. Sommer: In der Heizperiode liegen die Werte in der Regel deutlich höher als im Sommer – das BfS nennt für ungelüftete Kellerräume im Winter je nach Gebäude den Faktor 5 bis 10 gegenüber gut gelüfteten Räumen im Sommer. Ein niedriger Augustwert ist deshalb keine Entwarnung fürs Jahr; Hintergründe unter Radon und Jahreszeiten.
  • Wetterwechsel und Abwesenheit: Auch Temperatursprünge, Wind und Urlaubswochen ohne Lüftung hinterlassen Spuren in der Kurve. Notieren Sie solche Ereignisse – dann sind vermeintliche „Ausreißer“ schnell erklärt.

Welche Werte sind normal – und ab wann wird es kritisch?

Zur groben Verortung: Im Freien liegt das Jahresmittel in Deutschland bei rund 9 Bq/m³, in Wohnungen im Durchschnitt bei rund 65 Bq/m³. Etwa 10,5 Millionen Menschen leben bei über 100 Bq/m³, knapp 2 Millionen über 300 Bq/m³. Für die Bewertung des Jahresmittels gelten die Stufen des BfS:

Jahresmittelwert Bewertung Empfehlung (BfS)
bis ca. 65 Bq/m³ im Bereich des deutschen Wohnungsdurchschnitts kein Handlungsbedarf
100–300 Bq/m³ erhöht Konzentration senken: häufiger intensiv lüften, Eintrittspfade und Kellertüren abdichten
über 300 Bq/m³ Referenzwert überschritten Maßnahmen zur Senkung sind in jedem Fall angebracht; Ursachen fachlich klären
über 1.000 Bq/m³ stark erhöht bauliche Maßnahmen unbedingt innerhalb von drei Jahren abschließen; sofort: intensiv lüften

Zwei Dinge sind dabei wichtig: Erstens ist der Referenzwert kein Grenzwert – er ist der gesetzliche Maßstab dafür, ob Maßnahmen angemessen sind (§ 124 StrlSchG), kein Verbotswert. Zweitens gibt es keinen Schwellenwert, unter dem Radon sicher harmlos wäre; das Risiko steigt nach den europäischen Wohnungsstudien linear um etwa 16 % pro 100 Bq/m³ langjähriger Belastung. Deshalb lautet die BfS-Devise sinngemäß: Weniger ist besser. Die ausführliche Einordnung aller Wertebereiche finden Sie in der Radon-Werte-Tabelle, die rechtliche Seite unter Grenzwert und Referenzwert.

Kurzzeitwert vs. Referenzwert: der faire Vergleich

Der häufigste Interpretationsfehler: einen 7-Tage-Mittelwert direkt am Referenzwert zu messen. Der Referenzwert ist ein Jahresmittel – ein Kurzzeitwert ist eine Momentaufnahme, geprägt von Jahreszeit, Wetter und Ihrem Lüftungsverhalten. Seriös vergleichen lässt sich trotzdem, wenn man es als Wahrscheinlichkeitsaussage versteht. Bewährt haben sich zwei behördliche Faustregeln aus den Nachbarländern:

  • Schweizer Ampel-Logik (BAG): Bleiben die Wohnräume unter 100 Bq/m³ und das Untergeschoss unter 300 Bq/m³, ist eine Referenzwertüberschreitung unwahrscheinlich. Liegen Werte zwischen 100 und 300 Bq/m³, ist sie „nicht auszuschließen“ – eine Langzeitmessung wird empfohlen. Ab 300 Bq/m³ oder bei Spitzen über 300 gilt das Gebäude als wahrscheinlich belastet: Langzeitmessung dringend, Sofortmaßnahme Lüften.
  • Österreichische 120er-Regel (BMLUK): Liegt das Ergebnis einer dreiwöchigen Messung unter 120 Bq/m³, ist der Referenzwert von 300 Bq/m³ sehr wahrscheinlich unterschritten. Die Regel wurde für österreichische Verhältnisse entwickelt, taugt aber als konservativer Anhaltspunkt.

Und immer gilt: Eine Sommermessung unterschätzt das Jahresmittel tendenziell, eine Wintermessung überschätzt es eher. Das BfS ergänzt eine praktische Merkhilfe: Sind die Werte im Winter niedrig, kann man recht sicher sein, dass sie es im Sommer auch sind.

Einordnung unserer Auswertung: Die PDF-Auswertung Ihrer Mietmessung ordnet den Messzeitraum-Mittelwert als Orientierung gegenüber Referenzwert und BfS-Empfehlungen ein. Sie ist keine anerkannte Messung nach § 155 StrlSchV, kein Jahresmittelwert und keine Grundlage für behördliche Nachweise oder alleinige Sanierungsentscheidungen. Wie so eine Auswertung aussieht, zeigt die Beispiel-Auswertung.

Entscheiden: beobachten, nachmessen oder sanieren?

Aus Messwert und Messdauer ergibt sich ein klarer Entscheidungspfad:

  1. Kurzzeitwert unauffällig (Wohnräume unter ca. 100 Bq/m³, Keller unter 300): Entspannt bleiben. Wer sicher gehen will – etwa in einem Radon-Vorsorgegebiet oder bei viel genutztem Keller –, hängt eine Langzeitmessung an, idealerweise über die Heizperiode.
  2. Kurzzeitwert erhöht (über ca. 100–300 Bq/m³ in Aufenthaltsräumen): Nachmessen ist Pflichtprogramm: Langzeitmessung über 3 bis 12 Monate mit passiven Detektoren. Parallel kosten einfache Sofortmaßnahmen nichts: regelmäßig quer lüften, Kellertür geschlossen halten, offensichtliche Risse und Durchführungen abdichten.
  3. Jahresmittel über 300 Bq/m³ bestätigt: Jetzt ist Sanieren angesagt – vom gezielten Abdichten über Lüftungskonzepte bis zur Absaugung unter dem Gebäude. Das Vorgehen und die Erfolgsaussichten der Maßnahmen erklärt der Überblick Radon-Sanierung; typische Budgets finden Sie unter Sanierungskosten.
  4. Werte über 1.000 Bq/m³: Intensiv lüften als Sofortmaßnahme, Ursachen fachlich klären lassen und bauliche Maßnahmen laut BfS unbedingt innerhalb von drei Jahren abschließen. Unterstützung finden Sie über Radon-Fachfirmen und Beratungsstellen.

Nach jeder Maßnahme gilt: Erfolg nur durch Nachmessung belegen – zunächst gern als schnelles Screening (ein bis zwei Wochen zeigen laut sächsischer Planungshilfe „grundsätzliche Aussagen“), belastbar dann mit einer Messung über mindestens drei Monate unter denselben Bedingungen wie die Erstmessung. Wie eine solche Screening-Messung mit unserem Mietgerät abläuft, zeigt So funktioniert die Miete.

Fazit: Muster statt Momentwerte

Radon-Messwerte richtig zu lesen heißt: auf Mittelwerte und Muster schauen statt auf einzelne Zahlen. Der Verlauf verrät, wie Ihr Haus „atmet“ – der Langzeit-Mittelwert entscheidet, ob Sie handeln müssen. Wenn Sie noch mitten in der Messplanung stecken: Der große Ratgeber Radon messen führt durch Methoden, Räume und Kosten, und bei Fragen zur Mietmessung hilft unsere FAQ zur Gerätemiete.

Häufige Fragen

Mein Wert liegt über 300 Bq/m³ – was jetzt?

Erst einordnen, dann handeln – ohne Panik: Radon wirkt über Jahre, nicht über Nacht. Stammt der Wert aus einer Kurzzeitmessung, bestätigen Sie ihn zunächst mit einer Langzeitmessung über 3 bis 12 Monate, denn der Referenzwert bezieht sich auf das Jahresmittel. Bestätigt sich die Überschreitung, empfiehlt das BfS Maßnahmen zur Senkung – oft reichen zunächst konsequentes Lüften und das Abdichten von Eintrittspfaden, bei hohen Werten kommen bauliche Maßnahmen dazu.

Zählt der Mittelwert oder der Spitzenwert?

Der Mittelwert. Sowohl der gesetzliche Referenzwert (300 Bq/m³ nach § 124 StrlSchG) als auch die Risikoabschätzungen des BfS beziehen sich auf die über das Jahr gemittelte Konzentration beziehungsweise die langjährige Belastung. Einzelne nächtliche Spitzen sind normal und kein Alarmsignal – sie helfen aber, Eintrittswege und Muster zu erkennen.

Warum sinkt der Wert nach dem Lüften und steigt wieder?

Beim Lüften mit weit geöffneten Fenstern tauscht sich die Raumluft innerhalb weniger Minuten fast vollständig aus – das Radon verschwindet nahezu. Danach strömt aus dem Baugrund kontinuierlich neues Radon nach, und schon etwa zwei Stunden nach dem Lüften kann das alte Niveau wieder erreicht sein. Genau dieses Sägezahnmuster sehen Sie im Stundenverlauf eines elektronischen Messgeräts.

Wann sollte ich nachmessen?

Nach jeder auffälligen Kurzzeitmessung (Langzeitmessung zur Bestätigung), nach jeder Sanierungs- oder Lüftungsmaßnahme (Erfolgskontrolle, laut sächsischer Planungshilfe möglichst mindestens drei Monate) und nach relevanten Veränderungen am Haus – etwa neuen Fenstern, gedämmter Hülle oder Umbauten im Keller. Das BfS empfiehlt zudem, nach Sanierungen in größeren Abständen zu kontrollieren, bei ehemals sehr hohen Werten etwa im Fünfjahresrhythmus.

Wie vergleiche ich Kurzzeitwerte mit dem Referenzwert?

Nur als Orientierung, nie als Nachweis: Der Referenzwert ist ein Jahresmittel, Kurzzeitwerte sind Momentaufnahmen. Als Faustregeln aus der Schweiz und Österreich: Bleiben Wohnräume unter 100 Bq/m³ und der Keller unter 300 Bq/m³, ist eine Überschreitung unwahrscheinlich; ein dreiwöchiger Messwert unter 120 Bq/m³ spricht sehr wahrscheinlich für die Einhaltung der 300 Bq/m³. Erhöhte Kurzzeitwerte sind umgekehrt ein klarer Auftrag zur Langzeitmessung.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. BfS – Broschüre „Radon – ein kaum wahrgenommenes Risiko“ (Stand Juni 2024)
  2. BfS – Radon-Handbuch Deutschland (2019)
  3. BfS – Referenzwert (Stand 26.11.2025)
  4. § 124 StrlSchG – Referenzwert für Aufenthaltsräume
  5. BAG (Schweiz) – Leitfaden Radon-Kurzzeitmessung (Stand 06.02.2020)
  6. Radon-Fachstellen AT/CH/D-Süd/Südtirol – Radon-Sanierungsmaßnahmen bei bestehenden Gebäuden (2. Aufl. 2021)
  7. WHO – Fact sheet Radon and health (25.01.2023)

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